"Amor in Hierling"

Frei nach dem Polizeibericht der Gemeinde Hierling, Niederbayern, vom 5. Oktober 1978.

Es ist an einem Dienstagnachmittag gewesen, Max Turmer und Michael Spattner haben zusammen friedlich in der Gaststätte „Zum Ochsenwirt“, Hauptstraße 3, in Hierling gehockt und dort ihre Feierabendhalbe genossen. Allerhand blödes Zeug haben sie natürlich dahergeredet, wie die Geschichte von des Turmer Maxens Frau, die gemäß der Beteuerungen eben jenes Turmers, Max, dazu neige, den Speiseplan nach Mondphasen auszurichten, und dass sie das bestimmt in einer dieser Illustrierten beim Friseur aufgeschnappt habe, so ein unbegreiflicher Unfug sei dies. Ein weiteres sehr, sehr wichtiges Thema war der Hund der Familie Spattner, die Annabell, der, respektive die, zu faul oder, so mutmaßte man vorsichtig, zu blöd sei, einen Ball zu apportieren.

Und dann gab es natürlich den gern betriebenen Rückblick der beiden alten Saufkameraden auf ihre bereits einige reichliche Jahre zurückliegende Jugendzeit, die Schlägereien, die man gehabt habe, die Schulzeit und welcher Lehrer einem irgendwann mal die ein oder andere Ungerechtigkeit habe widerfahren lassen, die Zeit als Ministrant und natürlich, selbstverständlich, die Liebe.

Da blühten die zwei Männer auf! Ei, was hätte alles doch schön werden können, wenn damals die Marianne oder die Sophie oder weiß der Geier wer sonst, nicht den Holzhammers Klaus zum Manne genommen und in die Großstadt entkommen wäre. Ja, so säße man heute vielleicht nicht hier im „Ochsenwirt“, alles wäre, (mit Sicherheit!), anders gekommen.

Just, als dieses Thema ward angeschnitten begann der Vorfall seinen Lauf zu nehmen, welcher in der Folgezeit die örtliche Polizei sowie die Justiz beschäftigen würde. An den Tisch der zwei alten Freunde hockte sich nämlich, unaufgefordert und fast dreist, ein junger Bursche, klopfte dreimal auf den Tisch und stellte sich süffisant lächelnd als „der Amor“ vor. Irgendwas an dem Kerl war ungewohnt für den Turmer und den Spattner, sie kamen regelrecht ins Fremdeln, als wären sie nicht mehr im gewohnten „Ochsenwirt“, sondern irgendwo, in z. B. einer Fünf-Sterne-Wellness-Therme nahe Stuttgart, wo man aber beileibe nicht hinwollen würde. Schon wegen des Bierpreises nicht.

Besagter Herr Amor verhielt sich im Folgenden auch reichlich befremdlich. So begann er uneingeladen, dazu noch mit einer niegekannt glockenhellen Stimme, heiter von Bächen und Wäldern zu berichten, die er gesehen habe. Von Sonnenaufgängen, die ja zu zweit, mit der Liebsten im Arme, am Schönsten zu genießen seien, von Italienurlauben und den Sternen redete er, mit einer Selbstverständlichkeit, dass einem fast das Saugrausen kommen wollte.

Zur Auflockerung seines Vortrages platzierte der Amor großzügig Verweise auf das Leben des Herrn Turmer und des Herrn Spattner, auf vergangene Zeiten, die Sophie, die Marianne, und darauf, dass ja auch über Hierling in früheren Zeiten die Sonne schöner aufgegangen sei. Die gesamte Zeit seines Vortrages lächelte der im übrigen sehr gut aussehende und fesch gekleidete junge Mann so souverän, dass den zwei Nachmittagstrinkern ab einem gewissen Punkt der Verdacht kam, dieser Kerl da wolle sie auf den Arm nehmen.

Infolgedessen kam es im „Ochsenwirt“ zu einer an Lautstärke ständig zunehmenden verbalen Auseinandersetzung zwischen den oben erwähnten Parteien, wobei man sagen muss, dass der Herr Amor nur ungläubig dreinschaute und sich in Gesten der Beschwichtigung versuchte, während die zwei Freunde auf ihn einplärrten und ihm mit den Fäusten drohten.

Alle Versuche jedoch, sich zu retten, die der Herr Amor unternahm, waren schlussendlich vergebens. „Rosa’ner Saukopf!“ habe man auf den fremden Mann eingeschrieen, so der Besitzer vom „Ochsenwirt“ später zur Polizei. Dann sei alles ganz schnell gegangen, Turmer und Spattner hätten den Mann auf die Straße gezerrt und, anders lassen sich dessen Blessuren nicht erklären, zünftig vermöbelt. Die Frisch Gisela, die schließlich herbeigeeilt kam um die Situation zu beruhigen, berichtet, dass der fremde Mann endlich zu Boden ging, als ihm vom Max Turmer ein riesiges Lebkuchenherz mit der Aufschrift „Ich liebe Dich über alles!“, dessen Herkunft ungeklärt bleibt, schwungvoll über den Schädel gezogen wurde.


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