"Grashüpfer"

An einem Freitagabend stand ich wieder an dieser Bushaltestelle, Grashüpferchen, sag, weißt du das noch? Ich glaube, dass wir uns nämlich genau hier damals treffen wollten, und du bist dann irgendwie nicht aufgetaucht, aber so genau weiß ich’s nicht mehr.

Diese Vorstadtszenerie…

ich erinnere mich noch an dein spöttisches kleines Lachen, du warst um 7 Uhr auf euer Hausdach geklettert, hast Musik gehört, die es noch nicht so richtig gab, nur in deinem Ohr, in deinem Lauschohr, rund um die Uhr mit dem Kosmos verbunden, direkt und unkompliziert.

Damals hast du mich vom Dach aus angerufen, gelacht und erzählt, dass du soeben „eindeutig nicht kompostierbares Material“ in den Nachbargarten geschmissen hättest.

Oder das Brummen von der Autobahn her, am Waldrand. Oder die entsetzlichen alten Damen mit ihren hässlichen Kötern. „Wären wir doch in China“. … Grashüpfer.

Die minderbemittelte Vorstadtjugend… „Also ich geh’ heute noch ins Solarium.“

Du: „Ei, toll, ich auf die Mülldeponie!“. Mein Grashüpfer! Lieber Grashüpfer.

Und der Abendhimmel im Juni, wie Weißblech über uns gespannt.

Es roch nach Grillfesten und gesetzter Langeweile.

Du bist dann weggegangen. Wolltest da hin, wo das Leben spielt.

Aber ich frage mich manchmal, was genau das Leben eigentlich spielt. Und mit wem.

Irgendjemand hat mir erzählt, du arbeitetest da jetzt in einer Kneipe. Ich kann mir das ganz gut vorstellen: Zwischen all den Flaschen du, beißt die Zähne zusammen. Und wenn Schluss ist, sperrst du ab und schaltest das Licht aus. Dein eigenes verlosch bereits vor Jahren.


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