"Schönen Tag, Sister Agnes!"

Wir verwalten diese Stadt. Bis in kleinste Abläufe hinein haben wir vom öffentlichen Nahverkehr bis zum Klogang der pflegebedürftigen Oma Hunkemöller in der gesichtslosen Seniorenwohnanlage „Georgenallee“ alles sauber und glatt durchorganisiert.

Und hier auf meinem Schreibtisch läuft ein Teil von all diesem zusammen.
 
In der Ferne blinken die Lichter des Fernsehturms, Wind weht südwärts, ich sehe auf.

Durch irgendein Schlupfloch muss damals dieser Agathon aus meiner Ordnungsdomäne entwichen sein.

Damals wehte ein warmer Wind aus Richtung Osten, brachte Regen über die verrostete Stadt, bellte einem mechanischen Hund gleich in jeder Seitenstraße. Es war Ende Mai, die Sonntagmorgen waren erfüllt vom trockenen Knacken des Brechens von Männerherzen und vom Gesang der Vögel. Die Abende waren still und diskret, wie eine Wolldecke, wie die sanfte Energie naiver Krankenschwestern, aber auch schwarz und fest, bitter wie der Salbeitee den zu trinken Mutter mir gab als ich ein kränkelndes Kind war.

Während Liebe, Kultur und Weltanschauung missachtend mein Verwaltungsräderwerk seinen unermüdlichen Dienst tat also verschwand der eingangs bereits erwähnte Agathon einfach und kommentarlos, unberührt von all dem.

Nun, ich kann nicht sagen, wie genau dies geschah, aber in meiner Vorstellung fährt er, zufrieden lächelnd, mit der Bahn zur Stadt hinaus, vorbei an den vorstädtischen Eigenheimen der Beamtenkaste, der pausbäckigen Büroangstellten, die sich, aus Hass auf die Liebe, bereits zum wiederholten Male von ihren Männern haben schwängern lassen, vorbei an den Fabriken und all den Lagerhallen, vorbei auch am besoffenen Albert in der „Goldenen Krone“, weiter, nur immer weiter.

“Schönen Tag, Sister Agnes!“


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