"Der Spaziergang"

Die Tasse Kaffee im Sessel getrunken, der Kater streicht um die Füße und maunzt träge, die Frau sieht aus der Küche herein. Dies allabendliche Ritual war Harro Socher seit einiger Zeit verdrießlich gemacht: Eines Tages begann er, Musik in seinem Kopf zu hören.

Anfangs hatte sich das Phänomen wie ein gewöhnlicher Ohrwurm gebärdet

und Herr Socher war der Meinung gewesen, diesen gewiss bald los zu sein.

Er sollte sich täuschen. Tage und Nächte rauschte ihm ein Melodienwald im Kopf. Ströme von Noten ergossen sich über seine Gedanken, die, dadurch durchweicht, verschlammten und schließlich, einer trägen Brühe gleich, annähernd zum Stillstand kamen.

Man stellt sich unter „verrückt werden“ etwas klar Umgrenztes vor. Anfang, Erkennen, eventuell Ende. Einen Vorgang, den man durchläuft und anschließend „verrückt“ ist. Man zieht einen Gedanken eine Straße entlang, es klappert, am Ende ein biederer Zollbeamter. „Na, haben Sie sich diesen Schritt gut überlegt?“, „Jawohl, Herr Wachtmeister, ich will! Ich will es ja!“.

In Wahrheit ist es vielleicht mehr eine Art Scheitern an den eigenen Gedanken, die listig kichernd eine andere Straße wählen als üblich und diese fortan nicht mehr verlassen. Wir wollen dringend etwas sagen, aber die Worte haben Siegel. Und alle Telefone sind belegt.

Harro Socher glaubte nicht an das Unlösbare. Für ihn war das so genannte „Unlösbare“ nur ein anderer Begriff für „Mangel an Kommunikation“.

Er ging zu einem psychiatrischen Facharzt, schilderte ihm sein Problem. Der Arzt hörte einige Zeit mit angespannter Miene zu. Eine Uhr tickte präzise an der Wand. „Eins zwei, eins zwei! Und von vorn!“ Der Arzt sah Herrn Socher prüfend an, stellte fest: „Ich verschreibe ihnen Tabletten. Nehmen Sie diese nach dem Aufstehen sowie vor dem Schlafengehen. Nach drei Wochen wird ihre Störung vorbeigegangen sein.“ Herr Socher bedankte sich und verließ die Praxis des Arztes.

Herr Socher kam nach Hause. Seine Frau saß in der Küche, auf einem weißen Küchenstuhl aus Plastik und streichelte den Kater. Herr Socher begann zu berichten:

„…nach drei Wochen wird es besser sein! Das hat alles mit Chemie zu tun! Ich bin doch schließlich nicht verrückt!“

Seine Frau erwiderte: „Ich verstehe Dich, mein Herz!“ und streichelte weiter den Kater.

Drei Wochen vergingen. Die Töne waren geblieben.

Herr Socher huschte durch emsigen Regenschauer erneut zur Praxis des Arztes. Der Tag war grau und hatte zu früh begonnen. Harro Socher erinnerte, wie er so in seinem Mantel die Straße entlang glitt, an ein schwarzes Skorpion in einer weißen Wüste.

Der Arzt runzelte die Stirn. („Eins zwei, eins zwei! Und von vorn!“) „Herr Socher! Sie haben Ihre Tabletten nicht genommen! Diese helfen immer und punktgenau!“

Herr Socher, erschrocken, versuchte zu widersprechen.

„Wollen Sie Ihrer Familie zur Last fallen, Herr Socher? Und letztlich leiden doch auch Sie! Auch eine Einweisung kommt in Frage!“

„Aber…“

Der Arzt war bereits aufgesprungen und hatte das Sprechzimmer verlassen. Eine Kunststoffblume auf dem Fenstersims blickte Herrn Socher pikiert an.

Socher schlängelte sich zurück nach Hause, durch die weiße Wüste.

Seiner Frau berichtete er: „…unterbrach mich! …Tabletten nicht genommen. … Krankenhaus. … Notfalls gegen meinen Willen!

Aber ich bin doch nicht verrückt!

So sage mir doch, dass ich nicht verrückt bin!“

Die Frau schaltet die Kaffeemaschine an. „Ich verstehe Dich, mein Herz!“

Die Nacht kam. Die Sterne schimmerten kalt, kraftlos an das Himmelszelt geklebt, und der Mond brummte leise. Alle Musik war dieser Nacht entzogen. Hatte sich in Harro Sochers Kopf eingenistet, wie ein arger, heimtückischer Schädling. Die eitlen Träume warteten darauf, in Illustrierte hineingedruckt zu werden, so dass eine pechschwarze Finsternis über allen Straßen und Betten lag.

Der Morgen war grau, Echo der traumlosen Nacht. Herr Socher traf auf der Straße seinen Chef. Dieser blinzelte ihn an. „Ah, der Herr Socher! Schön Sie zu sehen. Ich hätte Sie morgen ja ohnehin in mein Büro gebeten. Was ich ihnen mitteilen muss, tut mir sehr leid. Unsere Firma ist gezwungen sich von Ihnen trennen.“


Harro Socher blickte seinen Chef mit verwirrten großen Augen an.

„Ihre Leistung genügt den Anforderungen nicht mehr. Sie demotivieren die Kollegen.“

„Aber…“

„Es tut mir leid.“

„...aber! Aber…“

„Es tut mir ja leid. Sie erhalten Ihre Papiere auf dem Postweg.“

Herr Sochers Chef wendete sich um und ging.

„Danke.“, sagte Herr Socher. Was blieb sonst zu sagen?

Auf einem weißen Zettel stehen Zahlen und Worte. Stationärer Aufenthalt. Harro Sochers Frau ist weg. Der Kater auch. „Ich verstehe Dich, mein Herz!“

„…und letztendlich leiden doch Sie!“

„…aber ich bin doch nicht verrückt!“

Herr Socher befand, dass es Zeit für einen Spaziergang sei. Er öffnete die Tür und sah das Meer. Die Sonne ging weit hinter den Wellen unter, die Szene leuchtete in burgunderrot. Zwei Leuchttürme warfen sich Kosenamen zu wie bunte Bälle. „Mein Herz!“. „Mein liebes Herz!“

Die Sonne ging unter und das Gras zwischen den Dünen raschelte sanft wie Reispapier.


| Home | Zurück zu den Texten |