"Das widerrufene Wunder vom weißen Sonntag"

Der Mann, der mich an der Tür des großen Hauses auf dem Land empfängt, wirkt aufgebracht. Er freue sich, meine Fragen in dieser Sache beantworten zu können, sagt er. Es sei an der Zeit dass ihm zugehört werde, sagt er.

Wir setzen uns hinter dem Haus in den Garten und schauen eine Weile die gesunden Obstbäume, die hier stehen, an, tauschen ein paar belanglose Details aus. Der alte Mann erzählt mir von der Pflege der Apfelbäume, von seiner verstorbenen Frau Elisabeth und wie lange seine Familie schon in diesem Dorf ansässig ist.

Er sieht mich unverwandt an, und ich bemerke, wie seine Hände zittern. Er sagt:

„Wissen Sie, junger Mann, ich fühle mich wie jemand, den man um einen guten Teil seines Lebens betrogen hat. Als ich vielleicht so alt wie sie war, da bin ich ein starker Kerl gewesen, wie schon mein Vater einer war. Habe viel und gerne auf dem Feld gearbeitet, Getreide geerntet, Holz getragen, Reparaturen am Haus durchgeführt. Später habe ich meine Frau, die aus dem Nachbarort stammt, kennen gelernt. Wir haben geheiratet, da war ich, warten Sie mal, 26 Jahre alt. Sie war 24 Jahre. So war das. Das erste Kind, der Sohn, kam zwei Jahre später. Wir waren nie reich, wir hatten gerade genug. Wie alle hier. Sie wissen. Aber es hat gereicht. Es war nicht mehr nötig. Wir haben gewusst, dass wir hier leben, wie unsere Ahnen hier oder irgendwo hier in der Nähe gelebt haben. Man wird geboren, wächst heran, man arbeitet, man bringt das, was da ist, einen kleinen Schritt weiter, dann stirbt man, und jemand anders muss die ganze Sache weiterbringen.

Wann es zu Ende, fertig ist? Das weiß ich nicht. Gibt es überhaupt ein Ende? Wer sagt, dass man in der Wirtschaft, in der Arbeit, vielleicht sogar im Fortgang der Menschheitsgeschichte, nicht einfach nur immer einen kleinen Schritt weiterkommt. Ins Unendlich hinein. In die Ewigkeit. Finden Sie das beunruhigend? Ich fände das nicht weiter schlimm. Es ist in etwa so, wie der Flug der Zugvögel. Sie fliegen hierher, sind für den Sommer da, singen ihre Lieder, fressen sich durch, dann ziehen sie weiter und fragen nicht warum. Die Zugvögel sind nie am Ziel. Es geht immer nur um das Weiterführen eines unendlichen Kreises. Vielleicht in Ewigkeit. Vielleicht auch nicht. Wer weiß das schon.“

Der alte Mann seufzt und ich merke, er hat, während er mit mir redet, Schmerzen. Die Schmerzen, von denen er mir in seinen Briefen berichtet hat, die er schon geglaubt hatte, los zu sein, für immer, oder zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem er mit den Zugvögeln in die Unendlichkeit hinein weiterzieht.

„Der selige Herr Pfarrer Haumer, der ist kein schlechter Kerl gewesen. Ich gebe ihm nicht direkt die Schuld. Das Tückische ist, dass ich nicht so recht weiß, wem ich denn an der Sache die Schuld geben kann. Mir selber vielleicht? Wissen Sie, gläubig sind wir hier alle. Leute, die nicht zur Kirche gehen, die gibt’s hier nicht. Gab’s vielleicht zu Zeiten der Römer. Aber da gab es auch die Kirche noch nicht, daher ist das entschuldbar. Wir glauben hier alle an den Herrgott, und dass er in seiner Freundlichkeit schon weiß, was er mit uns anstellen will, und wenn er’s mal nicht genau weiß, dann weiß zumindest der Pfarrer, wie wir in unserem Glauben an den Herrgott etwas anstellen können, was allen zugute kommt.“

Die Tochter des Alten schaut aus dem Küchenfenster, winkt ihrem Vater zu, fragt, ob man dem Besuch Kaffee oder ein Butterbrot anbieten dürfe. Der Besuch hat dagegen nichts einzuwenden, die Fahrt war lang, sehr lang.

„Ich glaube, 50 Jahre alt werde ich gewesen sein, als das anfing mit dem Rheuma. Von einem Tag auf den anderen, zumindest fast, ist das da gewesen. Von heute auf morgen… Wenn es so richtig schlimm war, hab’ ich einen Rollstuhl gebraucht. Das konnte wochenlang so gehen. Das Meiste von der Arbeit hier am Hof musste mein Großer dann übernehmen. Der hat das gut gemacht, keine Frage, aber für mich ist es eine große Umstellung gewesen. Von jetzt auf gleich ist man „der Alte“ und kann nicht mehr, obwohl man doch noch ein gutes Stück will.

Gebetet hab’ ich, wie seit dem Tod meiner Elisabeth nicht mehr. Habe ja auch Schmerzen gehabt, sehr schlimme Schmerzen, in Knochen und Gelenken! Gebetet, morgens, abends, zwischendurch.“

Die Tochter bringt Kaffee für zwei und Brot, dick mit Butter bestrichen. Ich nicke ihr dankbar zu.

„Mit der Zeit habe ich mich fast dran gewöhnt, an Schmerzen sowie das Beten. Das ist auch was, was der Mensch so an sich hat. Schmerzen leiden, und Beten, damit er die Schmerzen vielleicht ein bisschen vergisst. Damit er die Jahre vergisst. Oder aber…

Damit gerechnet habe ich natürlich nicht, ist ja auch klar. Am weißen Sonntag ist’s gewesen, hier im Ort, drüben in der Kirche. Hatte gerade eine ganz gute Zeit erwischt, wo ich sogar hab’ laufen können. Und nach der Messe bin ich dann, wie oft, noch ein Weilchen sitzen geblieben, habe gebetet, für meine Vorfahren, damit sie gut aufgehoben sein mögen, drüben, im Gottesgarten, ein bisschen für mich habe ich natürlich auch gebetet.

„Verlangt, gleichsam als neugeborene Kinder, nach der unverfälschten, geistigen Milch, damit ihr durch sie heranwachst und das Heil erlangt.“

Kennen Sie das? Aus dem 1. Brief des Petrus.

Nach dem Gebet bin ich nach Hause gegangen. Eigentlich hätten meine Knochen wieder anfangen müssen, Ärger zu machen, damit gerechnet habe ich fest, war ja immer so. Aber nichts passiert. Fast als wäre ich geheilt… Und als es dann nach zwei Wochen nach wie vor nicht zurück gewesen ist, das böse Tier, das Rheuma, da hatte ich so ein Gefühl. Der Arzt von drüben, aus dem großen Ort, der hat gesagt, das kann nicht sein bei mir! So etwas wie ein Wunder!

Und wirklich… ein Wunder! Da war ich für meinen Teil von diesem Tag an sicher. Weißer Sonntag. Und bin zum Pfarrer Haumer gelaufen, hab’ ihm alles erzählt. Hochwürden hat sich brav alles angehört, mit seinem bebrillten Gelehrtenkopf, den er erst immer geschüttelt hat. Hat gesagt: „Joseph, spinn doch nicht! Da muss es eine Erklärung geben.“

Irgendwann hat er’s dann aber einsehen müssen, der Pfarrer, dass da keine Erklärung ist und sein kann, außer dem Wunder eben.

Sagen Sie, ist das nicht eigenartig? Der Arzt stellt Wunder fest, und der Pfarrer verneint.

Danach ist dann die ganze Maschinerie angeworfen worden, es kamen hohe Geistliche hier her, haben mit mir gesprochen, mit dem Herrn Doktor haben sie auch gesprochen, mit dem Pfarrer sowieso. Und nach ix Tagen bekomme ich dann einen Anruf vom Pfarrer, man sei jetzt in Rom oder irgendwo zu dem Schluss gekommen, der liebe Herrgott habe mir ein echtes und verbrieftes Wunder angedeihen lassen und gelobt sei er.

Naja, aber so ein Wunder, das muss man so sagen, ist auch nicht dazu da, dass man den Rest seines Lebens darüber in Schwärmerei und heilsbesoffene Wunderseligkeit verfallen darf. Natürlich habe ich wieder mit angepackt, wenn auch mit dankbarem Herzen. Als Landwirt, da gibt es keinen Urlaub und auch kein Krankfeiern. Wenn man auf dem Feld umkippt oder anfängt, blödes Zeug zu reden, dann erbarmt sich vielleicht mal jemand. Ansonsten ruft täglich die Arbeit.

Zehn Jahre ist das ganz gut gegangen. Der Hochwürden Haumer ist irgendwann gestorben, und mir ist es immer noch gut gegangen.

Und eines verdammten Tages, ich werd' verrückt, geht der Blödsinn von vorne los. Ich komme nicht mehr aus dem Bett, habe Schmerzen und der verfluchte Rollstuhl muss vom Großen wieder aus dem Keller gezogen werden.

Ja, und so ist das seit heute.

Natürlich muss alles seine Richtigkeit haben, denke ich mir, und die hohe Geistlichkeit hat ihre Mühen gehabt, und hat Papierschlachten im Papierkrieg mit vielleicht gar dem Papst höchstpersönlich geführt, Gespräche gehabt, gebetet, Weihrauch geräuchert, den seligen alten Haumer auf und nieder befragt. Und jetzt haben die so einen Fehler gemacht. Also habe ich einen Brief an den Bischof geschrieben, ihm alles von meinem Fall erzählt. Was meinen Sie, wie lange ich an dem Brief gesessen bin? Ich wollte es ja richtig machen, und auch nicht, dass sich der liebe Herr Bischof am Ende denkt, was ihm da für ein dummer und einfältiger Mensch geschrieben hat. Am Ende hätte gar die Sekretärin vom freundlichen Herrn Bischof das Ganze für einen Scherz gehalten und den Brief weggeschmissen, bevor der freundliche Herr Bischof davon Notiz hätt’ nehmen können… Nicht auszudenken!

Aber ich habe keine Antwort gekriegt. Mit dem neuen Pfarrer hier habe ich auch gesprochen. Der aber hat sich gar nicht dafür interessiert. Gerade, dass er nicht gelacht hat.“

Der alte Mann mir gegenüber rührt energisch in seinem Kaffee und starrt in Richtung der Sonnenblumen im Garten.

„Von Pontius zu Pilatus habe ich alle Stationen durchgemacht, Briefe geschrieben, versucht den und den telefonisch zu erreichen, damit die das Wunder für nichtig erklären. Wissen Sie, am Ende gibt’s da vielleicht noch mehr falsche Wunder, die aber nicht gemeldet werden, so sammelt sich das dann über die Jahrhunderte und Jahrtausende, bis die ganze eine, wahre, katholische Kirche, zu der wir uns ja jeden Sonntag neu bekennen im Credo, ja gewissermaßen nur noch auf Halbwahrheiten bis Falschwahrheiten und halbgaren Mythen basiert. Also mir macht dieser Gedanke zu schaffen! Aber interessiert hat’s von denen da oben keinen. Also habe ich’s irgendwann aufgegeben. Das Porto ist auch zu teuer geworden. Und E-Mails kann ich selber nicht schreiben. Schon gar nicht, wenn’s am End’ eh für die Katz’ ist!“

Der Alte seufzt.

„Falsche Wunder und Jahrtausende, das geht mir ziemlich an Nieren.“

Ein paar Zugvögel sind am Himmel zu sehen, sie pfeifen ein Lied über die Apfelbäume hinweg, in die Ewigkeit oder die Sonnenblumen hinein.


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